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KONZERTPROGRAMM 17. NOVEMBER 2019

Cry Out and Shout

 
„Schreie vor Freude, Klagen vor Schmerz. Bebend vor Liebe, weinendes Herz“

Der Kammerchor Aarau unter der Leitung von Ramin Abbassi und die Organistin Nadia Bacchetta präsentieren ein post-romantisches Programm mit mal schwermütigen, mal jubilierenden Klängen. Über den Werken von Zoltán Kodály, Knut Nystedt, Edward Elgar und Jehan Alain steht der titelgebende Schrei als Ausdruck von Verzweiflung, aber ebenso als Sinnbild für unbändige Freude und Jubel.

1940er Jahre in Europa: Während Lars-Erik Larsson im neutralen Schweden das folkloristische Werk "God in Disguise" (vom Kammerchor im Juni 2019 aufgeführt) als pazifistische Hymne konzipiert, komponiert Zoltán Kodály im besetzten Ungarn unter ganz anderen Umständen. Der Überlieferung nach entstand in den Kellern des Budapester Opernhauses seine "Missa brevis", eine spätromantische und dennoch sehr direkte Messevertonung für Orgel und Chor. Schnelle Koloraturen folgen einer dramatisch und eher stoisch wirkenden Orgel- und Kyrie-Einleitung, und es scheint, als setze Kodály mit den zahlreichen schnellen harmonischen und motivischen Wechseln nie versiegende Lebensfreude in Musik um. Bei all den bewegten Sätzen berühren die zarten Passagen mit ihrer Friedensbotschaft umso mehr.

 

Das Hauptwerk des Konzerts wird ergänzt durch weitere Psalmvertonungen, etwa Knut Nystedts Miniatur "Cry Out and Shout" (Jesaia 12). Der sechsgeteilte Chorsatz preist mit breitem Umfang, Dreiklangs-Verschiebungen, Faux-Bourdons und weiteren harmonischen Extravaganzen die Güte Gottes. Kodálys "Genfer Psalm 114" besticht hingegen durch das Wechselspiel von chorischen und Unisono-Stellen und äusserst bewegten Basslinien in der Orgel: Mit ergreifender Stärke wird der Einzug ins Gelobte Land bejubelt.

 

Das von Edward Elgar vortonte Gedicht "My Love Dwelt in a Northern Land" erzählt aus der Ich-Perspektive von der Erinnerung an einen schottischen Geliebten, an dessen raue und wildgrüne Heimat und an die gemeinsamen Abende im Mondschein, bevor in der letzten Verszeile offenbart wird, dass des Geliebten Herz nun unter dem jugendlichen Gras kalt und starr ruht. Eine versöhnliche und poetische Schlusskadenz zeigt jedoch, dass sich die verzweifelten Schreie des/der Trauernden nun in eine friedliche Erinnerung gewandelt haben. Das Gedicht stammt von Andrew Lang und Caroline Alice Elgar, der Ehefrau Edward Elgars.

 

Jehan Alain komponierte "Litanies" anlässlich des Todes seiner Schwester. Er konzipierte das Orgelwerk als eine Art Gebet, aber keineswegs als ruhigen und intimen Monolog, sondern als expressive Exklamation: "Ein Gebet ist keine Klage, sondern ein Tornado, der alles, was sich ihm in den Weg stellt, hinwegfegt". Über dem Stück ergänzte Alain unter dem Eindruck seiner Verzweiflung das pessimistische Zitat: "Quand l’âme chrétienne ne trouve plus de mots nouveaux dans la détresse pour implorer la miséricorde de Dieu, elle répète sans cesse la même invocation avec une fois véhémente. La raison atteint sa limite. Seule la foi poursuit son ascension". Trotz oder vielmehr gerade wegen der Fassungslosigkeit entstand eine wuchtige und durchdringende Orgelkomposition, welche zu den berühmtesten von Alain zählt.

 

Der Kammerchor Aarau tritt mit Cry Out and Shout zum dritten Mal unter der Leitung von Ramin Abbassi auf, der dem Chor mit dieser Programmwahl neue Möglichkeiten eröffnet, in schwelgerische und spätromantische Klänge des 20. Jahrhunderts und ungewohnte kompositorische Welten einzutauchen. Nadia Bacchetta begleitet den Chor und das Solisten-Ensemble Anne AudersetStephanie Schaack-ElmigerMartina Felchlin (Sopran), Melanie Sommer (Alt), Ruben Banzer (Tenor) und Andreas Schib (Bass) an der Orgel.